sb: Hallo Katja, bitte stelle dich unseren Lesern kurz vor.
Foto: Thomas Liebner
kwk: Mein Name ist Katja Witte-Knoblauch. Seit drei Jahren arbeite ich mit einer halben Stelle als Gemeindepfarrerin für den Pfarrverband Helmstedt-Nord, mit meiner anderen halben Stelle bin ich Pröpstin für die Propstei Helmstedt.
sb: Deine Propstei (Helmstedt) ist eine von 4 Propsteien, die sich für die Erprobung der „Multiprofessionellen Teams“ beworben haben. Warum und wie habt ihr euch mit diesem Thema auseinandergesetzt, bis es letztendlich zum konkreten Antrag gekommen ist?
kwk: Als ich mich zur Pröpstin für die Propstei Helmstedt beworben habe, waren sämtliche Stellen besetzt. Schon während meines Bewerbungsverfahrens lernte ich dann den ersten Kollegen in meinem damaligen Pfarrkonvent Braunschweig kennen; er hatte sich inzwischen von Helmstedt nach Braunschweig weg beworben. Dann wechselte eine nächste Probedienstlerin nach Braunschweig. Eine weitere Kollegin verließ die Propstei. Andere gingen in den Ruhestand. Und so wurden wir peu à peu weniger. Die Kollegin und die Kollegen des Südkreises berichteten mir dann, dass die Besetzung in den Gemeinden des Pfarrverbands Helmstedt-Süd traditionell schwierig sei. Das liegt nicht an den Menschen dort, sondern dass es wirklich so richtig Land ist. In all seiner Schönheit, aber eben auch Abgeschiedenheit. Unsere Frage war: Wie können wir vielleicht das Problem vor Ort lösen, denn auch die Landeskirche kann ja keine neuen Pfarrer*innen aus dem Hut zaubern?
Wäre es z.B. eine Möglichkeit, auf eine Pfarrstelle zu verzichten (damals waren es allerdings noch fünf Pfarrstellen, wir waren ja einiges vor der letzten Stellenreduktion), um Aufgabenbereiche neu zu vergeben? Was wäre das dann eigentlich aus dem Bereich pfarramtlicher Aufgaben, wovon die Pfarrer*innen einerseits entlastet werden könnten – und womit andererseits kirchliches Leben auf dem Land gestützt und gestärkt oder sogar neu erfunden werden könnte?
Drei mögliche Stellen fielen uns ein: die Koordinatorin Gemeindearbeit mit dem Schwerpunkt Ehrenamtspflege, Fortbildung, Impulsgeberin für Ideen mit Gemeinwesenblick, Netzwerkerin und so. Der andere sollte den großen Bereich Liegenschaften besehen, auch mit dem Blick auf E-Schecks und Arbeitssicherheit in diesen Räumlichkeiten. Wir haben ihn zuerst „den Kümmerer“ getauft. Die dritte Stelle sollte ein*e Diakon*in sein mit dem Schwerpunkt Verkündigungsdienst, Altenseelsorge, aber gerne auch in der Konfi-Arbeit.
Der gesamte Prozess hat insgesamt knapp zwei Jahre gedauert und wurde während der gesamten Zeit durch das Landeskirchenamt wahrgenommen und begleitet. Nur deshalb konnten wir dann auch schon zum 1. Februar ausschreiben. Wir haben die Inhalte, die laut Förderrichtlinie erarbeitet werden müssen, längst – auch durch einen Organisationsentwickler begleitet – besprochen und mussten diese dann „nur noch“ in einem letzten richtig dicken Kraftakt zusammentragen.
sb: Warum habt ihr euch genau für die beiden Professionen (Koordinatorin für Gemeindearbeit, Koordinator für Liegenschaften) entschieden?
kwk: Weil das die Arbeitsfelder waren, die sich aus unserem längeren Prozess im Gespräch als hoffnungsreich ergeben hatten.
Auch die dritte Stelle hätten wir weiter gut gefunden, aber hatten nach der allgemeinen Stellenkürzung schlicht erst einmal keine Stelle mehr im Gestaltungsraum für eine Refinanzierung zur Verfügung. Wir mussten uns entscheiden.
sb: Wie ist die Erprobung bei euch angelaufen? Läuft alles reibungslos oder gibt es Herausforderungen zu meistern, an die man vorher vielleicht nicht so gedacht hat?
Beides! Wir sehen in der neuen Form weiter eine Lösung – die beiden neuen Kräfte arbeiten sich in ihre Felder ein, erfinden sie und werden dabei als große Bereicherung wahrgenommen – und gleichzeitig sind wir natürlich noch auf dem Weg. Am spannendsten ist, wie die neue Struktur das alte Pfarramt verändert; denn nun gehören ja nicht nur Pfarrer*innen zum Pfarramt, sondern auch andere Professionen. Und die Pfarrerin und Pfarrer sind plötzlich nicht mehr nur für ihre Seelsorgebezirke zuständig, sondern verantworten den ganzen Raum. Derzeit helfen uns zwei Ruheständler – in den Bereichen Kasualien und KU, um Luft für die notwendigen Treffen und Zeit für das notwendige Nachdenken zu schaffen, wie so etwas eigentlich gehen kann. Aber klar, das ist eine Hausnummer. Insbesondere wenn man sich verdeutlicht, dass vor fünfzehn Jahren noch etwa zehn Pfarrer*innen dort gearbeitet haben, wo heute drei alles verantworten müssen. Wenn man sich diese Zahlen vor Augen hält, wird plötzlich klar, warum das alte rundum-sorglos-Paket von keiner Kirchengemeinde mehr vorgehalten werden kann.
Richtig Überraschendes vor Ort ist uns bisher nicht begegnet, aber wir haben ja auch recht lange recht gründlich nachgedacht – im Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt. Überraschend ist eher, dass plötzlich Dinge, die für das Pfarramt eindeutig waren, für Menschen ohne Ordination mit gleichem Arbeitsfeld rechtlich nicht mehr eindeutig sein sollen. Aber das sind Fragen, die wir in Zusammenarbeit mit dem Landeskirchenamt schon klären konnten oder noch weiter klären müssen.
Und vielleicht als mein persönliches Motiv des ganzen Treibens zum Schluss: Ich möchte Kirche auf dem Land nicht aufgeben, ohne das ein oder andere wenigstens versucht zu haben. Sie kann m.E. aber nur dann gelingen, wenn wir Ehrenamt und Hauptamt in ein gutes gemeinsames Zusammenspiel bringen (ohne die einen wie die anderen zu überfordern) und projektweise bewusst-gezielt in den Dörfern kirchliches Leben realisieren.
Ganz herzlichen Dank an Katja Witte-Knoblauch für das Interview und mit hineinnehmen in die gesamte Thematik!